Ohne Grenzen: Intelligente Dokumente für alle

Barrierefrei – wer denkt da nicht an abgeflachte Bordsteinkanten, Rollstuhlrampen und Aufzüge auf Bahnsteigen? Lange ist es noch nicht her, dass sie Einzug gehalten haben in unseren Alltag. Mitte der 80-er Jahre begann man sich überhaupt erst mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen. Mittlerweile spricht man gar von barrierefreiem Internet und meint damit „Webangebote, die von allen Nutzern, unabhängig von körperlichen und technischen Möglichkeiten uneingeschränkt genutzt werden können“ (Wikipedia). Tatsächlich fordert der Gesetzgeber dies schon seit längerem. Exemplarisch dafür steht in Deutschland die „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz“ (Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung, BITV), die seit September 2011 in der Version 2 vorliegt und auf den Richtlinien der Web Accessibility Initiative (WAI) basiert. Die BITV ist verbindlich für alle Bundesbehörden und Grundlage der unterschiedlichen landesrechtlichen Gesetzgebungen.

Auf internationaler Ebene gibt es ähnliche gesetzliche Grundlagen: den „Rehabilitation Act of 1973 Section 508“ in den USA, die „UN-Behindertenrechtskonvention“ von 2006, die „Europäischen Richtlinien für die Erstellung von leicht lesbaren Informationen“ von 1998, um nur einige zu nennen. Sie alle fordern die Schaffung von allgemein zugänglichen Dokumenten. Um das ganze Thema weiter zu forcieren, hat die Bundesregierung im Juli 2011 den „Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention“ verabschiedet.

Barrierefreiheit in diesem Zusammenhang bedeutet, dass Medien auch von Menschen mit Behinderung uneingeschränkt genutzt werden können – mit Seh- und Hörschwäche genauso wie mit motorischen Störungen und kognitiven Behinderungen. Wer beispielsweise Probleme mit den Augen hat, ist mit blinkenden oder anderweitig animierten Texten schnell überfordert; bei Epileptikern können sie gar lebensbedrohliche Anfälle auslösen. Akustische Inhalte wiederum können gehörlose Nutzer vor unüber-windbare Hindernisse stellen. Selbst die Sprache kann ausgrenzen, man denke nur an schwer verständliche Schachtelsätze und Fremdworte.

Daher die Forderung nach Dokumenten, die diese Faktoren berücksichtigen. Gemeint sind hier beispielsweise kontrastreiche Designs, anpassbare Schriftgrößen, alternative Textangebote für multimediale Inhalte sowie eine leicht verständliche Sprache.

Schub für mehr barrierefreie Dokumente

Neu ist das Thema nicht, für Blinde beispielsweise gibt es verschiedene „Hilfsmittel“ wie Screen-Reader und Braille-fähige Drucker, um ihnen den Inhalt von gedruckten und elektronischen Informationen zu erschließen. Das Problem dabei: Häufig fehlen den Dokumenten wichtige Strukturin-formationen wie Leserichtung, Sprache, Spaltenreihenfolge, Hinweise zu Silbentrennung etc., die für eine korrekte Wiedergabe notwendig sind. Aus dem Urinstinkt kann da schnell die Feststellung werden, dass Urin stinkt und anstelle der Blumentopferde könnten da auch die Blumento-Pferde durch die Prärie rennen – weil die Sprachausgabe und Silbentrennung für die Wiedergabe von Bedeutung sind. Oder es werden überflüssige Informationen wie Kopf- und Fußzeilen, Seitenzahlen oder Logonamen vorgelesen.

Damit Dokumente auch wirklich barrierefrei sind, müssen sie verschiedene Kriterien erfüllen. Im Mittelpunkt steht dabei das „Tagging“: Welche Textpassagen und –blöcke gehören zusammen? Wie soll ein Text in wel-cher Reihenfolge und in welchem Umfang vorgelesen werden? Außerdem: Nicht-Text-Objekte benötigen alternative Texte und die Texte müssen im Unicode-Format gestaltet sein. Das neue Format PDF/UA (Universal Accessibility), dessen Zertifizierung als ISO-Standard im Sommer 2012 kommt, wird die Erstellung von allgemein zugänglichen Dokumenten si-cher wesentlich erleichtern. Zwar ist heute schon das „Tagging“ von PDF-Dateien möglich, aber strukturell noch nicht hinreichend beschrieben. Um Informationsangebote wirklich barrierefrei zu machen, muss man tief „eintauchen“ in die Struktur eines Dokuments. Herkömmliche PDF-Tools sind dazu zwar in der Lage, doch sind sie nicht sehr praktisch anzuwenden. Spätestens, wenn sich PDF/UA als Standard durchsetzt, wird es auch Software geben für die Erzeugung entsprechender Dokumente, die leicht zu bedienen ist. Experten sehen „Barrierefreiheit in der IT“ als Schlüsselthema für die nächsten Jahre.

Barrierefreiheit geht alle an

Noch halten sich Unternehmen damit zurück – wohl auch, weil das Thema auf den Aspekt „Behindertengleichstellung“ reduziert wird. Doch die For-derung nach allgemein zugänglichen Informationsangeboten beschränkt sich nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Man denke nur an den generell wachsenden Anteil älterer Menschen in der Gesell-schaft. Schon allein deshalb empfiehlt es sich, Dokumente der sich natur-gemäß ändernden Aufnahmefähigkeit von Senioren entsprechend aufzu-bereiten. Ein Grund dafür, warum Behörden und zunehmend auch Firmen ihren Webauftritt in unterschiedlichen Schriftgrößen gestalten. Denkbar auch: Man lässt sich E-Mails im Auto von einer Computerstimme vorlesen. Auch das ein Fall von Barrierefreiheit, schließlich müssen auch hier Struktur- und Metainformationen im Dokument hinterlegt sein.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum man sich mit dem Thema beschäftigen sollte. Mit der zunehmenden Bereitstellung von transaktionalen Dokumenten in Webportalen spielt deren semantische Qualität auch unabhängig von gesetzlichen Vorgaben eine immer wichtigere Rolle. So müssen sich Dokumenten-Workflows beispielsweise von der A4-Metapher lösen und Inhalte zukünftig auch für andere Ausgabegeräte bereitstellen. Stichwort mobile Endgeräte. Damit verbunden ist eine schrittweise Aufwertung von ursprünglich nur für den Druck gedachten Dokumenten zu multikanalfähigen, denen möglichst viele Informationen auf dem Weg zur Ausgabe beigegeben werden, beispielsweise für die Archivierung. Hier werden die notwendigen Indexinformationen in den Datenstrom „eingebettet“. In diesem Zusammenhang spielt PDF eine wichtige Rolle – neben HTML 5, das voraussichtlich 2014 vom W3C als offizieller Standard verabschiedet wird. Heute ist PDF das Format, mit dem am einfachsten im Dokument verschiedene Strukturinformationen für die Darstellung auf elekt-ronischen Kanälen hinterlegt werden können. Anders als bei PCL lässt sich aus PDF problemlos ein HTML-Dokument für die Darstellung im Web und auf mobilen Endgeräten generieren.

Schluss mit der Informationsvernichtung!

Die heute oft anzutreffende Vernichtung von Informationen auf dem Weg zur Ausgabe der Dokumente, über welchen Kanal auch immer, ist nicht mehr zeitgemäß. Oft werden digitale Dokumente, die an sich von Maschinen gelesen und verarbeitet werden könnten, erst in eine analoge Form, also gedruckt, und dann in TIF- bzw. JPG-Dokumente umgewandelt wer-den, das heißt, aus Content entstehen „Pixelwolken“. Der eigentliche In-halt wird erst verschlüsselt (Rasterbilder) und dann wieder mittels Optical Character Recognition (OCR) „lesbar“ gemacht. Das ist nicht nur umständlich, sondern geht auch mit dem Verlust von semantischen Strukturinfor-mationen einher, die für die Weiterverarbeitung notwendig sind.

Barrierefreie Dokumente dagegen erlauben die Reformatierung, beispielsweise von A4 zum Smartphone-Display, die Konvertierung in andere Formate (u.a. vom Seitenformat zurück ins textorientierte Format), die Extraktion von Einzeldaten (u.a. Rückgewinnung von Rechnungspositionen) und den Aufbau von Inhaltsverzeichnissen und Index-Listen.
So ist letztlich das Thema Barrierefreiheit kein ausschließliches für Men-schen mit Behinderung, sondern sorgt für einen Quantensprung in der Dokumentenerstellung, -bearbeitung und –ausgabe überhaupt. Es ist mehr als nur politische Korrektheit.

Autor: Bernd Steglich, Compart AG (www.compart.com)

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Mit der skalierbaren und plattformunabhängigen Produktfamilie DocBridge verfügt Compart über eine der umfangreichsten Software-Lösungen für die Verarbeitung von Dokumenten. Damit lassen sich Sendungen für jede Ausgabeform erstellen: sowohl gedruckt als auch als E-Mail (mit/ohne Anhang), Fax, digitale Post, Archivdokument, Downloaddatei sowie auf mobilen Endgeräten.

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